Der Knoten zwischen Geschichte und Ort

"Like here" - "Ungefähr hier", sagt die Frau und deutet mit vager Geste ein Fenster in der Luft an. Sie läuft über eine Wiese. Die Frau erzählt, was wo war und was stattgefunden hat in der Wohnung ihrer Großmutter in Sarajewo. Sie berichtet über die Wohnung zu Lebzeiten ihrer Mutter und nach deren Tod, als sie selbst sie übernommen hatte, bis sie für ein Stipendium vorübergehend nach Frankreich ging. Es kam Krieg nach Bosnien Herzegowina. Die Wohnung wude zerstört und die Frau, es ist Maja Bajevic, blieb in Frankreich.

Das Video ist einfach und erklärt sich von selbst. Was aber passiert genau? Die Künstler Bajevic und Licha betreiben eine besondere Form der Erinnerungsarbeit. Statt Relikte der Vergangenheit hervorzuholen und trauernd zu beschreiben oder über das Verlorene möglichst obektiv zu berichten, zeigen sie eine persönliche Erinnerung als Bewegung duch Raum und Zeit. Maja Bajevic geht den unsichtbaren Grundriss der früheren Wohnung ab, malt die Einrichtungsgegenstände in die Luft und wiederholt dabei die mit ihnen verknüpften Stationen des gelebten Lebens der Familie. Die Bewegung durch den erinnerten Raum und die Verknüpfung mit der Vergangenheit bedingen einander und treiben sich gegenseitig an.

Das Video macht deutlich, wie stark Lebensgeschichten an konktrete Orte gebunden sind. Vielleicht ist Heimat nichts anderes als dieses untrennbare Ineinander von einem bestimmten Raum und der in ihm gelebten Geschichte.

Dies wird meist erst dann bewusst, wenn man diesen Ort aufgrund irgendwelcher Umstände verlässt.

 

ZEIT online, 9.12.2005

 

21.2.07 21:22

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